Sich verwandt machen: Ein Spaziergang durch die Vielfalt familiärer Beziehungsweisen.

Ein:e jede:r hat eine Familie. Und eine jede Familie ist anders. Doch was ist das Verbindende, das eine Familie auch über Kulturen und Generationen hinweg zur Familie macht? Was bedeutet es, verwandt zu sein oder sich verwandt zu machen? Das Berliner Humboldt Forum widmet diesen Fragen momentan eine ganze Ausstellung. Eine Ausstellung, die sich ausgehend von zehn interaktiven Treffpunkten auch in die historischen Kunstsammlungen hinein bewegt: Beziehungsweise Familie.
Was prägt Familie, wie prägen wir sie selbst und wie sie uns? Viele verbinden mit «Familie» etwas Persönliches, Individuelles, vielleicht sogar Intimes. Zugleich wirken Familien in ihren Formen auch in das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben hinein. Gemeinschaften leben von gegenseitiger Fürsorge. Heute ist Fürsorge etwas, das, bspw. in der Betreuung von Kindern oder Senior:innen, mehr und mehr staatlich und privatwirtschaftlich organisiert wird. Was verändert sich dadurch für die Umsorgten wie Umsorgenden? Und was bedeutet das auch ökonomisch und politisch für unser Zusammenleben?
Zwischen all‘ diesen Fragen bewegt man sich durch die Ausstellungsräume. Rund um einen Esstisch mit digital bespielter Oberfläche tauchen nächste Fragen auf: Was fällt (beim Familienessen) unter den Tisch? Wer sitzt mit am Tisch? Und wie unterscheidet sich der Esstisch aus der eigenen Kindheit von dem, den man eines Tages selbst bestimmt? Wenige Schritte weiter betritt man als Museumsbesucher:in einen Raum, in dem man an einem nächsten Tisch die Zusammenhänge der eigenen Familie visuell darstellen kann. Wer gehört alles dazu? Und was zeigt sich dadurch im Gesamtbild des Geflechts der Verwandtschaftsbeziehungen? Hier scheint es lohnend, einen Moment zu verweilen ...
... und sich wenige Schritte weiter auf die nächsten Fragen zuzubewegen: Wie leben verschiedene Generationen einer Familie zusammen? Unter einem Dach oder «together apart», über verschiedene Orte verteilt? Und wie trifft man die Entscheidung für den richtigen Moment, um aus dem Elternhaus auszuziehen oder der Grossfamilie sogar mit einer eigenen Kernfamilie etwas hinzuzufügen? In einigen Kulturen sind es besondere Rituale und Traditionen, die diesen Zeitpunkt markieren. In anderen ist es eher eine Frage der wirtschaftlichen Möglichkeiten, die den Auszug mitbestimmt.
Von Individuum zu Individuum, von Familie zu Familie unterscheidet sich das Verständnis davon, was Familie ist. So auch von Kultur zu Kultur. Seit Jahrhunderten scheint es für viele von Bedeutung zu sein, den Zusammenhängen mit den eigenen Wurzeln über Generationen hinweg einen sichtbaren Ausdruck zu geben. Und das auf unterschiedlichste Weisen: Die ersten Stammbaum-Bilder stammen aus Mesopotamien aus der Zeit um 2500 v. Chr. In Europa wurden seit dem Mittelalter Abstammungen oft in Form eines verzweigten Baums abgebildet; in China hingegen neben- statt übereinander. Auch in Mesoamerika machten insbesondere Adlige ihre Abstammung, bspw. von besonderen Herrschern oder mythischen Ahnen, in Bildern und Hieroglyphenschrift sichtbar. In Polynesien waren es besondere Knotensysteme aus Kokosfasern, die den sozialen Netzwerken einen sichtbaren Ausdruck gaben; im Kongo Erinnerungstafeln aus Holz und Metall, die mündliche Überlieferungen ergänzten.
Und so vielfältig wie diese historischen Darstellungen sind, so vielfältig sind Familie auch heute. Wer sich für ein Erkunden dieser an Inspiration reichen Sammlung interessiert: Einen kleinen bewegten Einblick in die – noch bis zum 3. August 2026 geöffneten – Ausstellungsräume finden Sie hier und können sich auch in diesem Buch von Seite zu Seite durch die einzelnen Werke blättern.

