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#77 • 13. Aug. 25

Erbe als Ver­antwort­ung: Vom Finden eines Kom­passes für die nächste Generation.

Ein Gastbeitrag von Jorge Frey • #Vermögen

Portrait von Jorge Frey

Wer in einer ver­mögenden Familie aufwächst, kann sich glücklich schätzen – möchte man meinen. Aber die nächste Generation von Erben und Erbinnen, von Familien­unternehmern und -unternehmerinnen, muss sich durchaus beweisen, nicht zuletzt auch vor sich selbst. Niemand will ein Leben lang nur als «Sohn von» bzw. «Tochter von» gelten. Wie gelingt es ihnen, dem Familien­vermögen eine eigene Prägung zu geben? Wie wahren sie den Frieden mit ihren Geschwistern, auch wenn diese ganz andere Lebens­entwürfe verfolgen als sie? Wie bilden sie sich aus, um zu ver­antwortungs­vollen Investoren zu werden? Was erzählen sie ihren Freunden und Freundinnen, warum sie sich jetzt plötzlich ein Haus oder eine Wohnung leisten können? Und finden sie das eigentlich fair, dass sie ohne eigene Leistung vermögend sein werden?

 


Jorge Frey hat mit seinem Co-Autoren Eugen Stamm über dreissig Direkt­betroffene zu diesen Themen interviewt – u.a. auch Dr. Marcel Megerle in seiner Rolle als erfahrenen Begleiter familien­strategischer Prozesse. «Erbe als Verantwortung» (Erbe als Verantwortung | Wirtschaft | Bücher | NZZ Libro) legt den Fokus beim Vermögens­übergang auf die über­nehmende Generation. Das Buch ist die Fortsetzung zu «Von Geld und Werten» (NZZ Libro 2019), in dem die Vorbereitung der übergebenden Generation an ihre Nach­kommen im Mittel­punkt steht.

 

 

Was folgt, ist ein kurzer Aus­schnitt aus dem Buch, das als Kompass für die Erben­generation gedacht ist.

 

Vermögensübernahmebedingungen

 

Auch die nachfolgende Generation sollte beurteilen können, was sie über­nehmen. In diesem Sinne äussert sich Manuela Marti*[1], 45-jährig, CEO und Eigen­tümerin einer Firma in zweiter Generation:

 

Bevor man Verträge unterschreibt, sollte man sich extern beraten lassen, auch wenn das die familiäre Bande schwieriger macht. Man muss sich der Diskussion mit den Eltern stellen. Eine «Due Diligence» ist auch im familieninternen Übergang unbedingt notwendig. Der, der abgibt, weiss genau, was er macht, und der, der übernimmt, weiss eigentlich nichts. Von Governance hatte ich keine Ahnung und es gab eigentlich auch keine Governance, als ich übernahm. Es geht um so viel und mir sind nach der Übernahme so viele Sachen um die Ohren geflogen.

 

Die Ablösung von ihrem Vater hat sie als schmerz­haft in Erinnerung, auch wenn sie heute erkennt, dass dies auch für ihren Vater nicht einfach gewesen sein musste. Was ihr am meisten gefehlt habe, sei die An­erkennung ihres Vaters für den anderen Weg, den sie mit der Firma einschlug – der erfolg­reich war. Auf die Frage, ob und wie sie die Firma an ihre heute noch minder­jährigen Kinder übergeben möchte, reagiert Manuela mit Skepsis: «Ich stehe dem kritisch gegenüber. Ich möchte nicht, dass meine Kinder diese schwere Last über­nehmen müssen.» Die Autoren sind der Meinung, dass es die Verantwortung der Eltern ist, die Kinder zu befähigen, Ent­scheidungen im Zu­sammen­hang mit dem Ver­mögen fällen zu können. Die Ent­scheidung selbst, ob sie wollen oder nicht, sollte man aber eher ihnen über­lassen. Gemäss Schweizer Erb­recht erhalten die direkten Nach­fahren einen Pflicht­teil von mindestens 25 Prozent des erblassenden Eltern­teils. In Gross­britannien gibt es diese Regelung beispiels­weise nicht. «Es liegt an ihnen, ob sie mir etwas hinter­lassen wollen», sagt Hector* in Bezug auf seine Eltern. Und weiter: «Es ist die Ent­scheidung des Empfängers, ob er das Erbe an­nehmen möchte oder nicht.»

 

Wer sich mit seiner privi­legierten Vermögens­situation oder ihrer Entstehungs­weise schwertut, hat also zumindest Alter­nativen: Die Kinder können das Erbe aus­schlagen, so wie Tis*. Aus­schlagen ist auch gleich­bedeutend damit, dass keine Be­dingungen gestellt werden können. Die Kinder können sich politisch für eine hohe Erbschafts­steuer ein­setzen oder das Geld spenden oder umverteilen. Zwar ist ein Verzicht am ein­fachsten um­zusetzen, doch vergibt man sich damit auch der Möglich­keit, das Erbe in eine für sich selbst sinn­volle Richtung zu lenken.

 

Diesen Möglich­keiten und Er­fahrungs­berichten geht das Buch auf den Grund: Von Kapitel 1 «Etwas ist ein bisschen anders: wie man vermögend aufwächst» bis Kapitel 12 «Vermögen als Aufgabe», in welchem veran­schaulicht wird, wie man sich als Erben­generation mit der Frey-Stamm-Methode schritt­weise auf das Vermögen vor­bereiten kann.

 

Jorge Frey hatte in der Vergangenheit verschiedene Interaktionen mit FUTUN im Bereich des Vermögensübergangs. Er schätzt den offenen Erfahrungsaustausch sehr und durfte einen Gastbeitrag zum Buch «Familienstrategie erleben und gestalten» (SpringerGabler 2021) beisteuern.  Jorge arbeitete nach einer klassischen Bankausbildung und einem Betriebsökonomiestudium bei diversen Finanzinstituten im In- und Ausland. Seit 2006 ist er Senior Partner bei Marcuard Family Office, einem Multi-Family Office in Zürich und begleitet unter anderem Familien im Rahmen des Vermögensübergangs. «Erbe als Verantwortung» ist sein viertes Buch. 


[1]  Pseudonym

Das Buch "Erbe als Verantwortung" liegt auf einem Betonboden, darauf ein gelber Bleistift. Auf dem Buchcover sieht man eine ältere Hand, die einen Kompass in eine jüngere Hand legt.

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